Rezensionen und Lesetipps

An dieser Stelle weisen wir Sie auf Bücher hin, die auf verschiedensten Wegen zu uns gefunden haben.

Vielleicht können wir mit unseren Besprechungen Ihr Interesse wecken, sie ebenfalls zu lesen.


Rezensionen eingrenzen




Stahl, Seide, Sog & Druck

von Hans Bäck
Rezension von Sigrid Uhlig

Roman

Engelsdorfer Verlag, Leipzig

ISBN 978-3-96145-876-9

 

Stahl

Hart wie Stahl die beiden Protagonisten Andreas und Ferdinand. Langjährige Freunde, wobei Ferdinand immer etwas im Schatten von Andreas steht.

Gute Schulbildung, Studium, bekommen beide im gleichen Ort und der gleichen Firma eine Anstellung und arbeiten sich hoch. Sie sind begeistert von dem was sie tun und überlegen, wie sie nicht nur für sich, sondern auch für das Werk bestmögliche Ergebnisse erzielen können mit dem Temperament der Jugend, am liebsten die ganze Welt verbessern!

Ein Auftrag langt ein. Auf Grund des Umfanges und der begrenzten Räumlichkeit müsste er abgelehnt werden. Andreas und Ferdinand finden eine Lösung und reichen sie bei der Konzernleitung ein. Andreas beginnt mit den Vorbereitungen. Dazu brauchen sie die Zusammenarbeit mit weiteren Werksabteilungen und einer italienischen Firma. Ferdinand ist der Bodenständigere. Er kümmert sich um die innerbetrieblichen Angelegenheiten, während Andreas die Verhandlungen in Italien übernimmt.

 

Seide

Ferdinand ist verheiratet. Die Firma beansprucht seine ganze Kraft. Für seine Frau Michaela und seine Kinder hat er kaum Zeit. Viel anders geht es Andreas mit seiner Partnerin Celia auch nicht. Celia arbeitet in Italien in der Seidenindustrie. Ab und zu ergaunern sie sich etwas Freizeit zwischen den Dienstreisen.

Interessante Menschen kreuzen dabei ihre Wege. Viel Persönliches erfahren sie über Land und Leute und wie die Politiker nach dem 2. Weltkrieg in den Grenzgebieten Österreich, Italien, Jugoslawien mit bestimmten Volksgruppen umgegangen sind, etwas, das so nicht bekannt und in keiner Presse zu lesen war.

 

Sog

Theater- und Galerienbesuche, Bergsteigen, Bücher lesen und die Treffen mit Ferdinand und seiner Familie werden immer weniger, was bei allen Beteiligten Unzufriedenheit aufkommen lässt.

Nach mehrfachen Nachfragen und Berichterstattungen über den Stand der Vorbereitungen des Projektes gibt es vom Generaldirekter des Konzerns endlich die Zusage. Sie dürfen das Projekt einführen, aber zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben. Außerdem wird ihnen die Herstellung um die Hälfte der Zeit gekürzt. Sie fühlen sich in einen Strudel gerissen, der sie forttreibt. Doch wohin? Noch weniger Freizeit. Noch weniger Zeit um die persönlichen Batterien wieder aufzuladen.

 

Druck

Sie schaffen es, das Projekt termin- und qualitätsgerecht fertigzustellen auf Grund ihrer eigenen guten Vorbereitung und der vorbildlichen Zusammenarbeit mit den italienischen Kollegen. Seit Bestehen des Konzerns ist es der größte Gewinn, der eingefahren wird.

Kein Dankeschön, keine Prämie, keine Lohnerhöhung für Andreas und Ferdinand. Stattdessen wurde es als gute Leitungstätigkeit dargestellt und im gleichen Atemzug die Ankündigung von Entlassungen. Bestimmte Träume hatten Andreas und Ferdinand noch nicht verloren. Bevor die Entlassungswelle los ging, kündigte Andreas, um anderen Kollegen den Arbeitsplatz zu erhalten. Er baute seine eigene Firma als Unternehmensberater auf. Später folgte Ferdinand und stieg bei Andreas ein.

Celia stirbt an Krebs. Warum? Die Arbeit war ihr wichtiger als zum Arzt zu gehen. Andreas stürzt sich noch mehr in die Arbeit. Michaela und Ferdinand helfen ihm, seine Trauer zu bewältigen.

Ferdinand fällt es schwer, bestimmte Angewohnheiten abzulegen. Er möchte ein neues Leben mit einer anderen Frau beginnen. Michaela erfährt es von ihr.

Ferdinand verlangt die Auflösung der Firma und die Auszahlung seiner Anteile. Obwohl die Freundschaft durch Ferdinands Verhalten einen kräftigen Riss erhielt, bleiben sie Freunde.

Andreas lernt eine neue Frau kennen. Beide wollen heiraten. Andreas kann es sich leisten, kürzer zu treten, so dass es wieder mehr Raum für die Freizeitgestaltung gibt. Andreas künftige Frau Anna wohnt in Mailand. Beide überlegen, wer zu wem zieht. Mit der Abgeklärtheit des Alters lassen sie sich Zeit mit der Entscheidung. Anna zählt ihm die Vorzüge und Nachteile Italiens und Österreichs auf, wobei seine Heimatstadt besser abschneidet.

 

Bemerkenswert finde ich den Schreibstil. Handlungen und Gespräche erfährt man in Form der direkten Rede.

Es bleibt das Scheitern – die bittere Erkenntnis! So würde ich es nicht sehen. Es ist alles offengelassen. Ich hätte nichts dagegen, gäbe es einen dritten Teil.

 

Jugoslawien, in meiner Erinnerung gehörte es zum sozialistischen Lager, wobei Tito eine Sonderstellung als Außenseiter einnahm. Ganz schlimm empfand ich das Auseinanderfallen der Staaten nach Titos Tod. Serben, Kroaten, Albaner wohnen friedlich Haus an Haus. Von einer Sekunde zur anderen sind sie Feinde. Nur die Politik bringt so etwas zustande.

Liebe Leser, in diesem Roman wird Ihnen vieles sehr bekannt vorkommen. Sie fühlen sich nicht abseits, sondern mitten drin im Geschehen. Hans Bäck stellt fest, weder der Kapitalismus noch der Sozialismus sind die wahren Gesellschaftsordnungen. Aber welche würde alle Menschen glücklich machen? Oder müssen wir einsehen: „Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann?“

 

Sigrid Uhlig

Ellerbreite   

D 06847 Dessau




Henrys Wendejahre. Roman eines Werdegangs

von Kay Ganahl
Rezension von Dagmar Weck

Taschenbuch, 288 Seiten

Grille Verlag, Uckerland

ISBN 978-3-947598-03-8

 

Mit einem Vorwort von Dr. Manfred Luckas

 

Der Autor Kay Ganahl begleitet in seinem Roman Henrys Wendejahre seinen Protagonisten Henry Schlock mit tiefem Einfühlungsvermögen bei Henrys Versuchen, nach der Wende 1989 in einem für Henry völlig veränderten Alltag sein neues Leben zu begreifen.

Vor der Wende hat Henry als Agent beim Staatssicherheitsdienst der DDR gearbeitet. Als die DDR aufhörte zu existieren, findet Henry im Westen eine Stelle als Angestellter bei der Organisation Stempel.

„Jemand wie Henry kann sich nicht so einfach als Bürger des Gegenwartsdeutschland fügen“, beschreibt der Autor Henrys berufliche und private Bemühungen, in einem einzigen Deutschland wieder so eine bedeutende Rolle zu spielen, wie er sie in der DDR ausfüllte.

Der Autor steht Henry nahe, aber er kann seinem Protagonisten nicht helfen. Kay Ganahl muss innerhalb dieser Nähe eine gewisse Distanz wahren, nur so kann er dem Leser die existenzielle Zerrissenheit des Henry nahe bringen.

Henry sucht das Äußerste: sie, seine neue Identität, die das harmonische Bild des Henry Schlock zeigt, das andere Menschen und er selbst von ihm bewundernd ansehen sollen.

Auferlegt hat der Staat DDR Henry seine alte Identität: sicher war ihm dort sein Ansehen als Agent der Staatssicherheit, ebenso seine Ehre im privaten Auftreten. Keinen Zweifel erlaubte seine Sprache an ihm selbst und an seinem damaligen Staat, dem er dienen durfte, er war ein ganzer Henry.

Die Macht des Staates machte Henrys Wertschätzung aus, die andere Menschen ihm gaben und die er sich selbst schenkte. Henrys Porträt seiner Person unterlag also einer Kontrolle, er liebte diesen Zustand. Die DDR löste sich auf, damit kippte Henrys Leben.

Sehr einfühlsam und differenziert bringt Kay Ganahl dies dem Leser nahe. „Ich weiß genau, warum ich lebe, die Gerissenheit meines Handelns gepaart mit der Zerrissenheit meiner Seele tragen zu einem lang andauernden wilden Erfolg bei“, sagt Henry zu sich selbst.

Ein einsamer Henry klammert sich an seine Illusionen im einst geteilten Deutschland. Er meint, er müsse die kapitalistische Gesellschaftsstruktur bekämpfen, die Realität im neuen Deutschland versteht er nicht. Alte Ideale, vergangene Bilder toben in ihm, er ist nicht in der Lage, sich an etwas oder an Menschen zu binden und eine neue Identität zu wagen.

Eine neue brauchbare Perspektive findet er nicht.

Henry leistet seinen Dienst bei der Bundeswehr ab, auch hier lassen ihn die Bilder der DDR nicht los. Henry sieht sich in der Bundeswehr als Agent, er sucht heimlich nach Fehlern, Mängeln, hofft auf Anerkennung.

Henry will Menschen beherrschen, in diesem Deutschland kann er sich nicht einordnen und ein Zuhause finden. Beherrschen will er Menschen, aber niemand hat ihm dazu einen Auftrag gegeben, also gibt er auch den Menschen, denen er begegnet, nichts.

Er weiß nicht, wie sich Freundschaft anfühlt, was Vertrauen ist. Zu Freiheit und Lockerheit kann er keine Beziehung aufbauen.

Der Autor vertraut dem Leser, diese Verhaltensweisen von Henry aus seinem Roman zu entschlüsseln.

Mit Gertrude-Hilde vermag Henry sich nicht liebevoll zu verbinden, er zweifelt. Der Autor führt den Leser zu der Erkenntnis: wann wird Henry erkennen, dass er sich selbst lieben darf?

Als wohltuend empfinde ich das Mitgefühl, das Kay Ganahl seinem Henry entgegen bringt.

Henry hat über seine alten inneren Bilder eine große Macht, sie haben auch über ihn Macht, weil er sie nicht los lässt, er verehrt sie. Eine fatale Abhängigkeit zwischen Henry und seinem selbst entworfenen Spiegelbild, das kein wirklicher Spiegel zeigt, ist entstanden.

 

Henry spiegelt sich auch in der literarischen Figur des Theo Gantenbein aus dem Roman ‚Mein Name sei Gantenbein’ von Max Frisch wider.

Henry gleicht auch dem literarischen Anatol Ludwig Stiller aus dem Roman ‚Stiller’ von Max Frisch. Anatol, Theo und Henry wissen nicht genau, wer sie sind, wo sie sich suchen sollen.

Kay Ganahl hat einen menschlich bewegenden Roman geschrieben.

Auch der Leser sucht oft nach seinem eigenen Ebenmaß.

 

Dagmar Weck




Der Koffer der Adele Kurzweil

von Manfred Theisen
Rezension von W. Mayer-König

Clio Verlag, Graz 2018, 240 Seiten, gebunden,

ISBN : 978-3-902542-59-5

 

Kommt man am Wohnhaus Schröttergasse 7 in Graz vorbei, stößt man auf einen Stolperstein mit der Inschrift „Hier wohnte Adele Kurzweil Jg.1925 Flucht 1938 Schweiz/Frankreich Interniert Drancy Deportiert 1942 Ermordet in Auschwitz“. Hier findet sich trocken und knapp eines der grausamsten wie berührendsten Schicksale zusammengefasst, wie es vielen jüdischen Kindern und Jugendlichen widerfahren ist. 1991 wurde auf dem Dachboden einer Polizeistation in Auvillar ein Zufallsfund entdeckt: ein Koffer voll mit anmutigen Zeichnungen und Modeskizzen, angefertigt vom 17 jährigen Mädchen Adele Kurzweil, und oben auf liegend ein Zettel mit dem kurzen handschriftlichen Text: „Ich heiße Adele, sucht mich nicht, ich existiere nicht, ich existiere nicht mehr. Ich heiße Adele, 17 bin ich, 17 Jahre für immer, 17 Jahre für die Ewigkeit“. Die Wirklichkeit dieser Worte ist so ungemein stark, dass es keiner erfundenen Rahmenhandlung bedurft hätte, wie sie der Autor für sein teils belletristisches teils faktenorientiert sachliches Buch wählt. Die Wirklichkeit ist stets aussagekräftig genug, und braucht nicht mutwillig spannend oder aktuell gemacht zu werden. Vergangenem mit erfundenen Rahmenhandlungen die Chance zu geben, in der Lebenswelt des heute lebenden Lesers verankert zu werden, kann deshalb rasch fehlschlagen, weil das Grauen länger nachwirkt, als man es zu verdrängen glaubt. Eine erfundene Rahmenhandlung bleibt also in der Regel hinter der literarisch gekonnten, und nicht mutwillig kostbar gemachten, Wirklichkeit zurück. Manfred Theissen hat sich in verdienstvoller Weise der Spurensuche von einigen Grazer Jugendlichen angeschlossen und sie sich nutzbar gemacht, als sie im Jahr 2000 nach Montauban aufgebrochen sind, um den Schicksalsweg Adeles nachzuzeichnen. Ergebnis war eine Ausstellung und zwei Bücher verschiedener Autoren. Vor allem bei der Rahmenerzählung ist einerseits die Sprache literarisch nicht ganz ausgereift, andererseits fehlt der Beschreibung von Mara und Philipe entsprechende psychologische Tiefe. Weder die seelischen Vorgänge noch die Handlungszusammenhänge sind schlüssig ausgestaltet, umso mehr müssen sie hinter das selbstredende und selbsterklärende sprachliche Gewicht des Faktischen, also der Tatsache zurücktreten. Auch die Darstellung der Liebesbeziehung zwischen Mara und Philipe ist kraftlos und nicht im Stande, Anteilnahme beim Leser zu erreichen. Die stilistische Dichte wechselt mehrmals während des Buchinhaltes. Vor allem wird auf den letzten fünfzig Seiten der Ton eines Kriminalromans angeschlagen, und obschon sich das restlos erschütternde  Ende einer hoffnungslosen Wirklichkeit abzeichnet, verzettelt sich der Autor in einer flachen, geradezu aufgesetzten Sprache. Dem Autor Theisen, Jg.1962, der sich mehrere Jahre in der Sowjetunion aufhielt, und dann in Äthiopien eine Entwicklungshilfe-Organsisation leitete, hätte man, vor allem auf Grund vorauszusetzender Lebenserfahrung, mehr sprachliche Immaginations- und Vermittlungsfähigkeit zugetraut, zumal die Fakten und Tatsachen der Geschichte von Adele Kurzweil, sich wie ein elektrischer Schlag an den Leser weiterleiten könnten. Was viel zu wenig behandelt wurde, ist die Auswirkung der „Nürnberger Rassengesetze“ und der „Wannseekonferenz“ auf das jüdische Einzelschicksal; die pädagogisch und human pionierhaften Hilfeleistungen Ernst Papaneks im Heim für jüdische Flüchtlingskinder; die Täuschung des Vertrauens in die von Petain proklamierte Souveränität Frankreichs; die nicht rasch genug ausgestellten, rettenden Visas, um Razzien und Deportationen zuvorzukommen; das zwar ausgestellte, aber von den Behörden in letzter Sekunde wegen Überbelegung behördlich verweigerte Affidavit durch Nelson Morris - alles also unüberbietbar spannende, weil wirkliche Ereignisse, die in diesem Buch weitgehend literarisch unbearbeitet und daher ungenutzt bleiben. Was vor allem jedoch diesem Buch empfindlich fehlt, ist die Beschreibung dieser auch in Gaskammern nicht zerstörbaren jugendlichen Zartheit zu begegnen, über die nach gleich welcher bestialischen Befriedigung der Todesschergen, niemand, nie und nimmer Herr werden konnte. Weil da etwas war, was über sie hinausging, nämlich das nachhaltig ergreifende Schicksal der Jugend.

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr, ist aber vor allem wegen anhaltender Stilbrüche und versäumter Möglichkeiten für anschaulichen Geschichtsunterricht nicht besonders nachdrücklich zu empfehlen.

 

Wolfgang Mayer König




Salzburg Flood

von Johannes Witek
Rezension von Dietwin Koschak

DIE RADIKALE EINSAMKEIT DER POESIE

 

Auf 129 Seiten verdichtete Lyrik und eine erste vorläufige Frage lautet: Wer soll DAS lesen in einer Zeit der Einebnung von Werten, die auch vor der Kunst nicht Halt macht, Schrottkultur und Leuten des Kabaretts, die immer lachen auf Kosten anderer? Lachen darüber als guter Ton. Uns ekelt. Ja wer? - Wer liest noch zwischen den Zeilen und hört die Melodie eines gelungenen Gedichtes? Wer, ja wer, findet noch die Muße und hat vor allem das charakterliche und seelische Potential auf Poem´s anzusprechen? -

Der Autor karikiert den Rat heutiger meineidiger Psychotherapeutinnen und ähnlichem Gesindel, sich eine Katze gegen das abgrundtiefe Einsamkeitsgefühl des ver - chipten Homo Sapiens Sapiens Sapiens zuzulegen, aber ja nicht die Gesellschaft eines leibhaftigen Menschen. Isoliert, einsam wahnsinnig… So weit haben wir es gebracht. Anders wär besser. – Man macht Liebe am besten mit sich selbst!

Orpheus dreht sich um nach besseren Zeiten, aber es war ja die Zeit noch nie so schlecht wie immer. Wir verklären das Vergangene und die Erinnerung trügt. – Trügen auch die Frauen endlich die Last des Schnee´s und rauchende Kamine gab´s ja auch. Nicht wahr? Es war nie etwas besser, wie heute. Gell??? Nur ja nicht auf offener Straße ficken, das Wixxxen ist nur daheim vor´m Computer erlaubt. – Alles Blech, Blech, Blech … In anderen Zeiten sehen wir uns wieder. – Heißt ja   der Refrain dieses Buches des Sauerampfers und der wild blühenden Sommerwiesen…

Mal sehen. - Mal hören. Do you speak english, honey, yes I do. Fremdwörter zum Nachschlagen? Was heißt das, wenn ich drehe der Welt den Kragen um? Psychos lieben dich. - Ja, die, allein die sprechen die Sprache dieser Chiffren und wenigen Metaphern. - Etwa bilderfeindlich oh, du Poet des Gleich - zur Sache - Kommens? Jetzt oder Nie. - Nie oder Jetzt? Alles oder Nichts. Alles nichts, oder??? - Schwamm d´rüber und friss in dich nicht hinein den Verrat an den aufflatternden Tauben. Wie geht das denn: postialisch??? Bestialisch ist das etwa??? Wie das Tier. - Viech zu Viech. Scheide zu Scheide. Schwanz zu Schwanz. Darum geht´s, nicht wahr? Liebe ist alles. Fick dich selbst in deinen rosa Arsch. - Reden ist nicht erlaubt. Ein Abgesang auf unsere Zeit, aber es ist auch die Rede von Hoffnung, von Wurzeln, die etwa der Bäume (?), wohin plötzlich sie sich schütten als billiges Sonderangebot im Late - Night - Shopping einer Spaßgesellschaft, die nicht einmal das Gründen in Werten erahnt, geschweige denn verehrt. - Danke, nein, ich bereue es nicht, in diesem Regen des Abschiedes ohne Schirm gewatet zu haben … Und reingewaschen legt der Leser das Buch griffbereit an einen stillen Ort, um dort mit der Leserin darin nicht nur zu blättern. - Ja, sich fesseln zu lassen vom Autor und erleichtert zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die wissen, dass Griechisch eben auch noch eine Sprache ist. - Zum Schluss bleibt ein Geschmack nach bitterem Thymian und dem Anbeten vom roten Stern eines Che Guevara. - Auf, auf zum Kampf! Es gibt nichts zu verlieren als den guten Ton der Mutter Erde.




Stahl, Seide, Sog & Druck

von Hans Bäck
Rezension von E X T E R N

Roman

Engelsdorfer Verlag, Leipzig

ISBN 978-3-96145-876-9

 

„Nun seit einigen Wochen das Buch fertig gelesen, und seit einigen Wochen mit dem Gedanken auf der Suche nach etwas, dass schön und mit Rhythmus aus den Kopf rinnt. Nach einem, so zu sagen, “weich fließenden Satz”, wie es ungefähr in einem poetischen Vers klang, den ich vor Jahren in einem “Reibeisen” - das Kulturmagazin vom Literaturkreis Kapfenberg herausgegeben - las und mir in Erinnerung geblieben ist. Ich meine etwas Besonderes, Wirksames, das ein Start für die Präsentation oder, wegen Covid 19, für eine Rezension sein könnte.

Anstelle dieser hoch klingenden Phrase, ähnlich wie ein blinkender Fahrtrichtungsanzeiger, taucht immer wieder die gleiche Idee auf: ‚Du hast auch diesmal nicht einfach eine Geschichte gelesen, sondern mehreres gelernt.’

Ich...das heißt, auch andere Leser, die wenig oder überhaupt keine Kenntnisse im Rahmen Marktwirtschaft diesbezüglich Betriebshandlungen besitzen, hätten Gelegenheit Erkundung zu finden. Obwohl unser Autor uns wissen lässt: ‚...es handelt sich um einen Roman und um keine Reportage’, schaden, meiner Meinung nach, neue Überblicke nie.

So ähnlich passierte es mir auch mit dem ersten Roman von Hans Bäck: „Lautsprecher in den Bäumen“. Durch das Erzählen unseres Wirtschaftsexperten konnte ich mich, wenn immer nur geringfügig, auch damals mit den notwendigen nicht mehr verschiebbaren Umstrukturierungen und Modernisierungen von Betrieben im fernen Russland während der Jelzin Ära, bekannt machen.

Bemerkenswert: Bewegungsgrund unseres Beraters, abgesehen normalen Ehrgeiz, ist nicht eigenes Interesse oder besser gesagt nur das Einkommen. Bei ihm stehen die Menschen, ihre Arbeit, ihr Leben im Vordergrund. Auf gleicher Stufe auch Umweltschutz. Eine Art zu tun und zu handeln, wovor man den Hut ziehen kann.

Dieselben Gedanken und Bemerkungen gelten weiterhin für den zuletzt herausgegeben Roman, dessen Titel “ Stahl, Seide, Sog & Druck” lautet.

Zusammengefasst, im ersten Abschnitt,

„Stahl“  erfährt man über Angelegenheiten, die sich in einem wichtigen Stahlkonzern in Österreich ereignen. Na ja, für mich kurz und gut ein “gruppo industriale “, das eben Stahl erzeugt und mit Markt zu tun hat. Stopp.

Aber nein, es läuft gar nicht so einfach: Bald gewinnt Andreas Corman, durch sein berufliches Verhalten - und das noch bevor er selbstständiger Unternehmensberater wird - schon wieder meine/unsere respektvolle Aufmerksamkeit. Dynamiken, Rollen, Projekte und Änderungen halten immer noch vor Augen die Menschen und umweltfreundliche Prozesse und Technologien.

Aber so wird er, wie angedeutet, auch später handeln, sobald er selbstständig tätig wird. Einstellung und Verhalten ändern sich nicht, nur Einsatz und Anstrengung steigern. Das lässt sich aber nicht vermeiden.

Ich wurde also noch einmal in eine Welt projiziert, eine technische Welt, mir von Bildung aus fremd - und gerade nicht meine Neigung-, die auf einmal trotzdem eine gewisse Neugier geweckt hat. Wer konnte schon ahnen, dass ich Zeitungsbeilagen, welche sich mit Marktwirtschaft beschäftigen, statt wie üblich in den Papierkorb landen lassen, durchgeblättert und manche Artikel sogar gelesen hätte?

Möchte noch hinzufügen, wie ich durch Bäck’s Buch verschiedene Fachbegriffe und Definitionen betreffs Bereiche, Materialien, Arbeitsverfahren, die mir auch auf Italienisch unbekannt waren, zur Kenntnis gekommen sind. Muss gleichzeitig zugeben, dass ich nicht immer alles gut oder richtig verstanden habe, und hätte nichts dagegen mich “ein bisschen” belehren zu lassen. (Nur ein bisschen, aber! Bitte um Verzeihung).

 

Von diesem ein wenig (für mich) komplizierten Kontext abgesehen, finden wir rundherum vielfältige Intermezzos. Zum Beispiel eine wichtige Ergänzung zur  „großen oder zur Haupt-Geschichte” realisiert die Begegnung mit Menschen, und deren Schicksalen und Lebensereignissen, während einer sonderbaren Mitarbeit in einer Werft von Monfalcone, ganz in der Nähe von Triest. Erzählungen und Erinnerungen, bei denen eine wahre Abrechnung heute noch fehlt. Historiker deren Aufgabe es wäre jede Version, auch wenn nicht immer und für jeden akzeptabel, mit Vernunft darzustellen. Jedenfalls lassen uns diese Ereignisse bewusst werden, wie eigentlich Geschichte eher aus der Summe dieser kleinen und oft sehr schmerzhaften Erfahrungen besteht, mehr als von Entscheidungen der  Politiker oder von unsinnigen Befehlen der Generäle. Einblicke, die unterschiedliche Mentalitäten und Kulturen berühren und nicht selten auch Probleme der Sprache, als Kommunikationsmittel gesehen, mit sich bringen.

Glücklicherweise, mit der Qual der Wahl, in einer Osteria im Karst oder in einer Gostilna lässt sich die Seele danach erleichtern. Nur der Magen wird vielleicht ein wenig misshandelt, denn gerade leicht sind die Speisen nicht, besonders wenn man dazu als Vorspeise eine Platte Prosciutto di S. Daniele oder Prsut und Salami eingeschoben und mit Cubana abgeschlossen hat. Soll es eine gute Flasche Wein vom Collio, einen rubinroten Refosco oder einen herben Terran aus Slowenien gewesen sein, wird ein guter heißer Espresso helfen. Mit oder ohne Milchcreme (für mich ohne, bitte!)

Lassen wir uns dann durch die vielen uns bekannten Gegenden begleiten: in den Gassen des berühmten Görz herumschauen, im Villaggio del Pescatore rasten, im Restaurant Dama Bianca in Duino gemütlich gute Kost genießen. Im Dunklen, unter einen Sternenhimmel oder hellem Mond auf der Mole spazieren und “Im Schein der Lampe” eine der ergreifenden Duineser Elegien traumverloren lesen: “Wer, wenn ich schrie...” Ach, warum packt mich jetzt ein Schauer, ähnlich einer ungemütlichen Vorahnung...Wo ist nun mein Engel geblieben? Werde ich ihn noch einmal finden?

Der Name, und Palindrom, Anna wirkt schön für einen Engel. Man sagt, man soll ihn anrufen um etwas Verlorenes wieder zu finden.

 

Seide. Von Anfang an eine weniger komplizierte Art und Weise: so fühle ich es wenigstens. Vielleicht weil Seide besonders für Frauen ein beliebtes und nicht selten auch geträumtes Konzept darstellt? Jein, machen wir es nicht so banal und simpel.

Es stünden Argumente vor, um die betreffenden Kapiteln zu besprechen und Fragen zu stellen. Vor dem Leser stehen sehr intensive Seiten. Als erstes möchte ich aber betonen wie zärtlich, voller Liebe und gleichzeitig realistisch und direkt der Autor die Persönlichkeit und die Kompetenz von Fräulein Cecilia, mit Kosenamen Celia genannt, schildert. Schon bei der ersten Dienstreise unseres Andreas Corman nach Wien tut sich viel. Das winzige Büro von Fräulein Fürstner liegt im 6. Stock. Unser Protagonist wird es friedlich mit einem Paternoster erreichen. Muss ich lachen: würden Jüngere wegen Treppensteigen-Anstrengung an das Gebet denken? Lassen wir uns über so ein Altertum überraschen.

Da ist sie, die junge Dame, “unglaublich wichtig für mich“ wie der Oberreferent sich ausdrückt. Mit nach oben verdrehte Augen antwortet Celia: ”Er fürchtet, dass ich ihm eines Tages abhandenkomme”.

Musica laetitiae comes medicina dolorum (musica compagna della gioia, medicina nel dolore, Johannes Vermeer).

Es beginnt bei den zwei jungen Leuten “in laetitiae” mit einem Konzert: Schubert und Haydn. Danach an einem Würstelstand am Karlsplatz bleiben, noch herumstehen und plaudern und die Gegend in welcher der Roman “Strudlhofstiege “ sich abspielt, entdecken...Celia, von nun an die Begleiterin im jüngeren Teil Andreas Leben.

Mit Celia eindrucksvolle Bergerlebnisse, Geschäftsreisen kombiniert mit kurzen Kunstbesichtigungen oder erholenden Wochenenden.

Chancen, Anerkennung, Sozialprestige soll man womöglich blitzartig ergreifen. Pläne lassen sich doch auflisten.

Eine neue Erfahrung startet auch für Celia: auch sie setzt sich als selbständige Marktspezialistin ein.

Im „Universum Gewebe“, wie schon angedeutet, bildet Seide einen Luxussektor. Der Bereich Seidenproduktion in der Region Piemont wäre geschichtlich und unter mehreren Gesichtspunkten ein zu untersuchendes Thema: ausgehend von industriellen Architekturen und sozialen Problemen. Es handelte sich um schwere und ungesunde Arbeit und Minderjährige wurden auch zugeteilt (heutzutage von Robotern und Klimaboxen wenn auch positiv die Arbeit erleichtert, aber eine gewisse Arbeitslosigkeit im Sektor verursacht).  

Von asiatischer Herkunft und vor Christus bekannt, wurde der Maulbeerbaum (Morus) auch “Schutzbaum” genannt: weil er rundherum die Weinreben eben schützte. In China (aber dann auch im Piemont) wurde auch Papier daraus erzeugt. Beeren können auch im Kosmetikbereich verwendet werden. Da die grünen Blätter der Zucht des Seidenspinners dienen war das der Hauptgrund um Maulbeerbäume nach Europa einzuführen.

Aber aufpassen, lieber Leser: “ Seidenfäden kommen von einer Raupe, un bruco, nicht von einem Wurm, von einem Verme”!

Den Höhepunkt bei Celia werden wir in der Mailänder Scala erleben: zum magischen Musikabend trägt sie ein wunderschönes luxuriöses Seidenkleid. Haltung und Aussehen: um ihr Hals ein Collier, das sie von Andreas geschenkt bekommen hat.

 

“Und das Schönste zeigt die kleinste Dauer“, Heimito von Doderer.

 

Sog & Druck: Diese beiden Wörter, mit jeweils eigener Bedeutung, bilden hier dagegen ein binäres und untrennbares Paar, da sie zusammen eine ganz andere, und in diesem Fall nicht gerade angenehme, Kraft und Bedeutung weiterleiten. Man könnte es ein semantisches Code benennen, welches in eine Lebenserfahrung einen umfangreichen Blick wirft.

Sog spielt jetzt hinterhältig mit unserem Paar:

Das nächste Mal...

Die nächste Woche, Monat ...

Die nächste Tour ...

Die nächste Besichtigung...

Es wird schon werden...

Im Wirbel, keine Zeit um sich Zeit zu nehmen. Weiter im Hamsterrad...und auf einmal, spürt man den Druck. Wenn das Bremsen noch immer nicht gelernt wird, wird man dazu gezwungen werden. Man wird sich Zeit nehmen müssen: es kann bitter sein.

(Eine Redewendung klingt ungefähr so: wenn Du den Himmel standhaft mit einem Wunsch anbetest, irgendwann wird dein Wunsch erfüllt werden, nur Du weißt nie im Voraus wann, wie und warum)

Meine persönliche Erfahrung: jedes Mal als das Wochenende in unserem Häuschen im Gebirge zu Ende war, dachte ich mit einem Seufzer: “Würde ich gern längere Zeit hier verbringen”. Jetzt bin ich praktisch seit dem 5. März da angesiedelt. Darf mich in keinem Sinn beklagen aber ...Wo steckt der Grund? In einem verdammten gefährlichen Spuk! Mein Wunsch wurde doch erfüllt!)

“Welcher Geiger hat uns in der Hand?”, Rilke

Vieles wäre noch bemerkenswert: langjährige Freundschaft und Auseinandersetzungen mit denen man nie rechnen wollte...Na ja, es wird schon wieder gut werden.

Ich denke, es ist Zeit alles andere dem Leser zu überlassen: beim Lesen keinen Druck, nur positiver Sog.

 

Renata Grim, Trieste





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